Vladimir Favorskijs Grafiktheorie: Linie, Bildfläche, Zeit-und-Raumkontinuum
Dr. Natalia Ganahl
Lecture

May 31, 17-19h
Der Vortrag widmet sich einer der zentralen Figuren der russischen Kunst der 1920-1930er Jahre, die zwei Generationen der Buchgrafiker und Maler prägte. Meister des Holzschnitts und ein Denker von ungewöhnlicher theoretischer Präzision, Rektor der avantgardistischen Kunstschule VChUTEMAS, blieb Favorskij im Schatten seiner berühmten Schüler, wie Alexander Deineka oder später Erik Bulatov. Darüber schieb Kunstkritiker Abram Efros bereits in den 1920er, in der Zeit seiner öffentlichen Arbeit:
«Dieser Moskauer Graveur, Auslöser einer grossen Bewegung, Schlüsselfigur der ganzen Schule der zeitgenössischen Xylografie geht den klassischen Weg ‚der Sonderlinge der Kunst‘. Man kann denken, die Geschichte habe nur ein einziges Schema für solche Sonderfälle. Sie bereitet ihnen eine Art Lebenshöhle, versteckt sie dort, verdeckt dicht den Eingang, verweht mit Schnee und Frost, um den Weg dahin zu verwischen. Nur den Neugierigen und den Schülern gelingt es hineinzukommen. Die Neugierigen nehmen nichts mit, weil sie nichts verstehen, und die Schüler nehmen alles mit, weil sie zu viel verstehen. Von ihnen verbreiten sich die Gerüchte in der Welt: es lebe in der Höhle ein Höhlenmensch, den niemand gesehen hat, und diejenigen die ihn sahen, erzählen Undeutliches.»

Favorskijs Unterricht war nicht nur eine präzise Anleitung in die Druckgrafik, sondern eine einzigartig elaborierte phänomenologische Schule des Sehens. Er holte den Philosophen Pawel Florenskij an die VChUTEMAS, um dort eine Theorie des Raums und der Zeit in den Bildwerken zu entwickeln. Während Florensky sein epistemologisches Interesse verfolgte, war Favorsky ein Expert in den deutschsprachigen formalistischen Theorien, was zu seiner späteren Entlassung und Beschuldigung im Formalismus führte. Der Vortrag stellt diesen vergessenen Theoretiker, Pädagoge und Buchgrafiker ins Licht.


May 31, 17-19h | Door opens 16:30

📍Mühlebachstrasse 12, CH-8008 Zürich

The event is in German


RSVP per email info@lechbinska.com


Die Vorlesung ist organisiert in Zusammenarbeit mit Iconarium,

Verein zur Erhaltung und Sicherung von sakralem Kulturgut in der Schweiz.

Dr. Natalia Ganahl
Natalia Ganahls Forschung konzentriert sich auf die frühe sowjetische Avantgarde in den transdisziplinären Bereichen Kunst- und Bildmediengeschichte, Wissensgeschichte, Philosophie und Kulturwissenschaft von der frühen Moderne bis zur Gegenwart. Sie studierte Linguistik, Literatur- und Kulturwissenschaften in Russland und Kunstgeschichte in Zürich. Im Jahr 2018 promovierte sie zum Thema „Zentralperspektive vor und nach der Oktoberrevolution” in Zürich. Sie war Pre-Doc und Post-Doc Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) sowie assoziiertes Mitglied des Graduate College des Eikones Centre. Von 2021 bis 2024 war sie außerdem Gastforscherin und Gastdozentin bzw. Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien und lehrte zur allgemeinen Kunsttheorie und Geschichte der russischen und sowjetischen Avantgarde. 

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