Ein Geste, ein Schritt, viele Schritte. Ein gewöhnlicher Tag in Bewegung. Was offenbart sich uns, wenn wir länger verweilen? Wie bewegen wir uns im Alltag und was geschieht in jedem Moment, wenn wir durch den Tag gehen? Es ist unmöglich, dies zu wissen – doch stets, beim Innehalten, zeigt sich ein Potential von vielen kleinen möglichen Ereignissen, Überraschungen, die oft unbeobachtet bleiben.
Das Gehen mit zwei brennenden Kerzen auf den Schuhspitzen ist zwar nicht eine alltägliche Erfahrung, sondern eine mögliche Fokussierung: das behutsame Absetzen des Fusses, um das Wachs nicht zur verschütten, die sorgsame Bewegung nach vorne, um die Flammen nicht auszulöschen, lenken die Gedanken anderswo hin – und machen den meist unbewussten Vorgang des Gehens erst sichtbar. Dass sich dann Hüpfen, Springen in fragile Keramiklinien einschreiben ist in der Materialisierung überraschend.
Bignia Wehrlis Projekte ankern im alltäglichen Erleben: Sonnenstrahlen, Regentropfen, Schritte, Klänge und die damit verbundene Wahrnehmung, Ahnung, plötzliche Erkenntnis, eine Art Versuchsanlagen, die sich alltäglichen Erfahrungen widmen. Es sind Konzepte, die sich ganz langsam, sozusagen rückwirkend, einem Phänomen wie etwa dem Sonnenlicht annähern und die mittels von der Künstlerin gebauten Instrumenten festgehalten, untersucht, neu erfahrbar werden. Gerade durch den gelenkten Prozess, das auf Erfahrungen basierende Rahmenwerk gibt die Künstlerin, fast unerwartet, dem Unbekannten Raum. Doch was ist, wenn sie sich Rissen im Asphalt - Inbegriff des Zufalls - ebenso annimmt wie dem Festhalten der Sonnenstrahlen, denen wir eine bestimmte wissenschaftlich fundierte «Verhaltensweise» zuschreiben? Meine Gedanken versuchen die beiden Anlagen zu verbinden, gehen hin und her und kreisen um eine kleine Leerstelle, zappeln etwas, um sich schliesslich mit dem Erahnen zu umgeben. Sehr gerne sinniere ich auch über die Titel, sie klingen so bestimmt, als handle es sich um eine bekannte Kategorisierung – doch was unterscheidet wohl den Sonnentrichter vom Sonnenschwarm?
Per Zufall begann ich in den letzten Wochen die Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) von Friedrich Schiller zu lesen. „Denn nur da, wo er spielt, ist der Mensch ganz Mensch.“ steht da im 15. Brief. Und nun erinnert mich Schillers Charakterisierung des Spiels, das Aufstellen von Regeln und deren Anpassung an den Verlauf des Spielens, an Arbeiten von Bignia Wehrli. Ja, die Konzepte, die Regeln sind klar und nachvollziehbar – doch sie sind im Fluss. Wenn ich dank dem Instrument der Blickscherung übers Kreuz die Welt betrachte, kommt für mich auch der Humor ins Spiel. Oder eben die Ernsthaftigkeit, sich den Spuren der Zeit, den Bewegungen eines Tages, dem Phänomen des Hüpfens und Springens wirklich anzunähern, um sie gleich wieder gehen zu lassen. Der Lichtfänger macht die vielen Überlagerungen besonders deutlich: Zwei an langen Stangen in den Himmel gestreckte Lochkameras reagieren auf den Wind und die kleinsten Bewegungen der Hände. Sie werden zu einem ikonischen und archaischen Bild – als ob ich tatsächlich das Licht als Materie einsammeln könnte. Eine wunderbare Mission, eine poetische Performance, bei der sich Regeln und Emotionen austauschen.
Ich erinnere mich gut an das Gespräch, in dem Bignia Wehrli mir ihre Arbeit TRIKLANG (2012) erläuterte. Auf dem selbst gebauten Ohrmeter, einem Streichinstrument, das mit einer 1 Meter langen Bass-G-Saite bestückt ist, können geografische Distanzen in Saitenlängen und somit Tonhöhen übersetzt werden. In Kollaboration mit dem Komponisten Peter Andreas unternimmt die Künstlerin eine akustische Landvermessung Sachsens auf der Grundlage des 1862 von Christian August Nagel erstellten Triangulationsnetzes. Sie bezieht sich auf eine historische Methode der Landesvermessung – doch aus der Vermessung werden Klänge. Dieser Weg vom geografischen Territorium zum vieldeutigen Klangraum, der systematisch entwickelt wurde, brachte wiederum meine Gedanken ins Kreisen und Suchen. Das Verstehen vermessungstechnischer Methoden und das System der Übersetzung in Töne verlangen eine vertiefte Auseinandersetzung.
Und fast gleichzeitig klettert Bignia Wehrli mit Lichtquellen an Händen und Füssen auf eine Tanne und hält diese Bewegung fotografisch fest, ganz einfach: Auf die Tanne gehen. Das Nebeneinander von äusserst komplexen Prozessen und dem direkten physischen Erleben lädt denn auch zu unterschiedlichen Annäherungen an ihre Werke zu. Die Kenntnis der Werkentstehung ist ein Aspekt – sie sind, so empfinde ich es, auch visuelle Gedichte, die sich zu anderen Deutungen oder Betrachtungsweisen hin entwickeln können.
Für eine Ausstellung in den Kunstkästen in Schaffhausen, die ich als Kuratorin begleitete, sammelte Bignia Wehrli nicht Licht, sondern liess Regen auf ein präpariertes Papier prasseln, nieseln, tröpfeln, welcher sich so ganz direkt einschrieb und auf dem Blau der Cyanotypie auftauchte. Ein Blick in den Himmel, eine Erinnerung an ein Gewitter, an einen kalten Sommertag, an Regentropfen auf der Haut. Spuren suchen, Spuren legen, Spuren auflösen.